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FAZIT TOGO

Die togoische Regierung sollte sich schon fragen lassen, warum im 21. Jahrhundert, also im Hochtechnologiezeitalter, so viele Menschen in einem der schönsten Länder der Erde ihr Leben in derart bitterer Armut verbringen müssen. Manch Tierschützer, ginge es um Tiere nicht um Menschen, würde sich wohl lauthals echauffieren. Oder sollte man lieber die französische Regierung dazu befragen? Ein Staatspräsident leitet das kleine westafrikanische Land. Auf überdimensionalen Werbetafeln sieht man ihn fotografiert und staatsmännisch retuschiert mal vor Kindern, mal vor Ärzten, mal vor Arbeitern und weiteren Motivgebern stehen. Er hat alles im Griff, so vermitteln es die Tafeln.

In Togo gibt es mehr Kirchen als Tankstellen in Deutschland. Sie helfen, Not zu lindern, obwohl man das auf den ersten Blick nicht ohne weiteres zu erkennen vermag. Die Gegenleistung ruft dann aufgrund der Vielfalt an sakralen Zweckverbänden voraussichtlich mehr Götter auf den Plan, als vor der deutsch-initiativen Reißbrettaufteilung des Kontinents ihr Zuhause in den angestammten Stämmen hatten. Frankreich besitzt eine große Macht im kleinen Land. Nicht zuletzt auch, weil es die Währung der Region, deren Wert definiert. Die Bevölkerung ist darüber wenig glücklich. Es brodelt unter der Decke. Und weil es in Togo recht warm ist, ist diese Decke äußerst dünn. Viele wollen das Land verlassen. Hinsichtlich allgegenwärtiger Korruption, Ungleichbehandlung und fragwürdiger Praktiken aber hält sich das Insistieren Frankreichs, Europas in bescheidenen Grenzen.

Der Human Development Index fixiert Togo auf Platz 162. Hundertzweiundsechzig von Hundertsiebenundachzig. Auch Amnesty International hat aus gutem Grund viel zu kritisieren. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn aus Verzweiflung Radikalität erwächst und Europa und nicht nur Europa Stück für Stück von religiösen Irren in die Luft gesprengt wird. Das wird sich, das zu erkennen bedarf es keiner hellseherischen Fähigkeiten, zweifelsohne weiter potenzieren. Auf der anderen Seite: In Schwerin hat man es als Mensch mit dunkler Hautfarbe, wenn diese den Mallorca-Sommer-Faktor von 14 Tagen übersteigt, nicht leicht. Am Platz der Freiheit wird man von Schweriner Kindern als ekeliger dummer ‚Neger‘ beschimpft, Leute auf der Straße drehen sich verstohlen herum, um sich zu vergewissern, dass sie sehen, was sie sehen. Und ist man weiblich und schwarz, rufen virile ‚Bioschweriner‘ in der Straßenbahn schon mal gerne rassistische Beleidigungen oder prügeln gleich drauf los. Einer unserer Freunde in Togo studierte in Hamburg angewandte Mathematik.

Derart viele schlimme Erlebnisse verfestigten seinen Entschluss, nie mehr nach Deutschland zurückzukehren. Auch mit diesem Wissen sind wir in den Vielvölkerstaat Togo gefahren. Werden wir dort schief angeguckt, beschimpft und verprügelt, weil wir eine vom Mainstream abweichende Hautfarbe haben? Nein. Die Togoer sind herzlich, offen, hilfsbereit und interessiert. Alle die wir kennenlernten – ob Muslime, Katholiken, Voodoo- Menschen, Wildfremde, Teamer aus den Partnereinrichtungen, Passanten oder Händler auf den Märkten, Bauern im Dschungel, Kinder, beim Vorbeigehen Winkende. Sie haben uns einiges voraus. Kinder und Jugendliche in Togo haben Lust auf gemeinsame Projekte mit uns. Viel nicht, aber etwas können wir damit ganz bestimmt bewegen. Regen fängt auch immer mit dem ersten Tropfen an. Wir möchten in den von etablierten deutschen Politikern aus Angst vor dem Machtverlust an die ins Establishment aufgerückten Besorgten abschätzig Multikulti genannten Interkulturellen Dialog treten. Dabei können wir viel voneinander lernen, auf Augenhöhe, nicht missionarisch. Und wir freuen uns auf diese Zusammenarbeit, auf junge Togoer in Schwerin und auf junge Schweriner in Togo. Die intensive Projektvorbereitung hat längst begonnen.

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